Sucht
Die offene Drogenszene in der Schweiz: Platzspitz, Letten, Bienehüsli und
Schellenacker
Mitte der 1980er Jahre debattierten Bevölkerung, Staat und Medien heftig über in offenen Drogenszenen sichtbar gewordene Folgen von Drogenkonsum und Abhängigkeit mit all ihren Begleiterscheinungen. Doch trotz intensiver Auseinandersetzungen existierte kein einheitliches Drogenverständnis. Was Drogen sind und wie mit ihnen in der Gesellschaft umgegangen werden soll, unterliegt nicht nur der kulturellen Wahrnehmung, sondern auch politischen oder ideologischen Überzeugungen. «Drogensüchtige» wurden anfänglich oft mit illegalen Handlungen in Verbindung gebracht und sie wurden pauschalisierend zu Sinnbildern eines verunglückten Lebens. Es ging lange, bis einzelne süchtige Menschen und ihre Geschichten einen gebührenden Platz in der medialen Berichterstattung bekamen. Dies hat auch damit zu tun, dass die Definition von Drogen und deren Wahrnehmung laufend vom Staat und der Bevölkerung verändert wurde. Was wird wann als Droge bezeichnet? Stellen Drogen eine Gefahr für die Sozialgesellschaft dar oder sind sie lediglich Genussmittel? Dreh- und Angelpunkt der Wahrnehmung der Drogenproblematik in der Schweiz bildeten die offenen Drogenszenen, die sich an bestimmten Orten manifestierten. Eine zentrale Rolle spielten Mitte der 1980er Jahre der Platzspitz und in den 1990er Jahren der Letten in Zürich. Fast gleichzeitig entwickelten sich in St. Gallen Szenen beim Bienehüsli und auf dem Schellenacker. Zu dieser Zeit erlebte auch die Berichterstattung über die Drogenproblematik ihren Höhepunkt. Die Bevölkerung monierte die misslichen Zustände auf den öffentlichen Plätzen, die von Schmutz und herumliegenden Spritzen geprägt waren, und erkannte darin das Hauptproblem einer verfehlten Drogenpolitik. Die Politik ihrerseits fokussierte auf die offenen Drogenszenen selbst, auf die «Fixerinnen» und Dealer, was die Spannungen zwischen Bevölkerung und Drogenabhängigen verstärkte.
Heute noch spielen die Schauplätze der offenen Drogenszenen der 1980er und 1990er Jahre eine Rolle in der Erinnerungskultur. An medial inszenierten Gedenktagen, in Biografien oder jüngst in einem Spielfilm stehen Orte wie der Platzspitz oder das Bienehüsli sinnbildlich für das «Drogenproblem», das die Schweiz bewegte.
Der «Needle Park» der Schweiz in den 1990er Jahren
Das Nachbeben der weltweiten 68er Bewegung zeigte sich ausgeprägt ab 1980 auch in der Schweiz. Drogen waren damals vor allem für die Jugend auch Symbol des Ausbruchs aus gesellschaftlichen Zwängen. Obwohl der Konsum von Drogen und Alkohol bereits seit den 1950er Jahren anstieg, entstand damals noch keine Drogendebatte. Das «Drogenproblem» wurde als solches erst mit der Sichtbarkeit des Elends und der Sucht öffentlich thematisiert. Der Drogenkonsum erfolgte erst unterschwellig. Erst nach und nach bildeten sich eigentliche offene Drogenszenen. Mitte der 1980er Jahre wurden diese – und mit ihnen auch der Heroinkonsum – in der Schweiz sichtbar, so auf dem Platzspitz und dem Letten in Zürich, aber auch beim Bienehüsli oder auf dem Schellenacker in St. Gallen. Dies führte zu einer zunehmenden Polarisierung zwischen den Szenengängerinnen und Szenengängern und der «normalen» Bevölkerung.
Anfänglich reagierten die Regierungsverantwortlichen mit Repression. Doch diese war weitgehend wirkungslos. Die offene Szene im sogenannten Needle-Park wurde vorerst toleriert, die Zustände verschlimmerten sich aber rasant und der Platzspitz entwickelte sich zu trauriger Berühmtheit. Es kam zu grossen Ansammlungen und tausende «Süchtige» tummelten sich hier. Einige besassen eine eigene Wohnung und gingen zur Arbeit, andere lebten permanent auf dem Platzspitz und hielten sich mit Drogenhandel, Prostitution und Diebstahl über Wasser. Die Abbildung vom Zürcher Platzspitz zeigt den Alltag, die eigene Welt der drogenabhängigen Menschen. Improvisierte Betten aus Kartonschachteln und Marktstände aus Bananenschachteln und Gemüseharassen verteilten sich über den Platz hinweg. Menschen sitzen, in Decken gehüllt, am Boden oder versuchen, sich an einem Feuer zu wärmen. Für einige Drogenkonsumierende war dieser Ort der Lebensmittelpunkt, hier hielten sie sich auf und bestritten ihren Alltag mit eigenen Regeln.
Die wachsende Szene verlangte nach mehr Kontrolle. Überwachung und Interventionen der Ordnungsdienste wurden zu einer Gratwanderung für die Polizei. Es herrschte eine konstante Polizeiaktivität, Betroffene wurden durch das Zürcher Interventions-Pilotprojekt ZIPP versorgt und Öffentlichkeitsarbeit wurde betrieben. Dennoch wuchs mit der Szene auch die kritische Wahrnehmung in der Bevölkerung. Der Platzspitz platzte bald aus allen Nähten und Prostitution, Drogenhandel und Kriminalität schürten Angst und verbreiteten Unsicherheit bei den Einwohnern der Stadt Zürich.
Die St. Galler Drogenszene
Die Drogenpolitik antwortete laufend auf die Bildung von Drogenszenen. An all den Standorten, an denen offene Szenen entstanden, spielte sich eine ähnliche Entwicklung von anfänglicher Repression zur Prävention ab.
Es entstand ab 1986 die zuerst geduldete und später aufgelöste Grossdrogenszene auf dem Platzspitz in Zürich. Hier wie auch in St. Gallen scheiterte die abstinenzorientierte Strategie, welche auf Repression setzte. Konsumenten wurden dabei kriminalisiert und der Konsum von Drogen strafrechtlich verfolgt. Ab 1988 erfolgte in St. Gallen eine Neuorientierung durch einen differenzierten Umgang mit den abhängigen Menschen. Die Gesellschaft und die Politik erkannten, dass der Heroinkonsum zur Tatsache geworden war, worauf die Stadt 1989 den Konsumraum Bienehüsli, später den Schellenacker einrichtete. Ziel war es, dadurch den Konsum zu regulieren und zu kontrollieren. Nun war die Zusammenarbeit von Stadtrat, Polizisten, Sozialarbeitern und Ämtern gefragt. Diese drogenpolitische Zusammenarbeit erhielt später den Namen «der St. Galler Weg».
Wie waren die Zustände in den bereitgestellten Räumlichkeiten? Die beiden Momentaufnahmen geben einen Einblick in die Fixerräume der Stadt St. Gallen. Die Fotografie beim Schellenacker zeigt den Alltag der drogenabhängigen Menschen und auf welche Art und Weise Drogen, insbesondere Heroin, konsumiert wurden. Auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen schilderten das Bienenhüsli als Ort der Verelendung und des Ausnahmezustands. Die Fixerräume waren schmutzig; Spritzen, Papiersäcke und Stofffetzen lagen auf dem beschmierten Boden, auf dem sich auch der Müll türmte.
Die bereitgestellten Räume dienten als rechtsfreie Orte, in welchen sich Konsumierende und Dealer ungestört aufhalten konnten. Gemäss Schätzungen trafen auf dem Schellenacker jeweils 20 bis 100 Personen aufeinander, über den Tag verteilt hielten sich jedoch bis zu 500 Personen beim Standort auf.
Aufruhr in der Bevölkerung
Ende der 1980er Jahre kam es in der Politik zu einer Neuorientierung des Blicks auf Sucht und auf süchtige Menschen und zu einem differenzierteren Umgang mit abhängigen Menschen. Das Verständnis für und Mitgefühl mit süchtigen Menschen wurde aber durch die offenen Drogenszenen laufend auf die Probe gestellt. Die Verabschiedung der Politik von rein repressiven Massnahmen und die Bildung offener Drogenszenen führte zu einer zunehmenden Polarisierung zwischen den Szenengängerinnenn und Szenengängern und der «normalen» Bevölkerung.
Der Platzspitz, aber auch das Bienenhüsli, wurden bald zu Hotspots des Drogenkonsums, der Kriminalität und der Randständigkeit in Zürich respektive St. Gallen deklariert. Das anfängliche Verständnis für die heroinsüchtigen Menschen wurde allmählich zur Belastung der Nachbarschaft, welche sich in Wohnqualität und Sicherheit beeinträchtigt fühlte. So stiess das Bienehüsli etwa in der Liegenschaft «Unterer Graben» auf Widerstand, der sich unter dem Motto «Not in my Backyard» formierte. Die Anwohnerinnen und Anwohner sammelten Unterschriften für eine sofortige Schliessung des Bienehüsli oder schrieben im Kollektiv Beschwerdebriefe an den Stadtrat, in welchen sie das Elend und die Belastung durch die Szene präzise schilderten.
Das Fazit lautete, dass die Bevölkerung für behördliche Hilfe und Zufluchtsorte für Drogenkonsumierende stimmte, solange diese nicht in ihrer eigenen Nachbarschaft lagen.
Die Unzufriedenheit mit der städtischen Drogenpolitik lässt sich anhand des Beschwerdebriefs illustrieren, in dem ein Anwohner seinen Frust gegenüber den Entscheidungen des Stadtrats niederschreibt. «Wir arbeiten, um dieses verdammte Pack zu verhalten und der Stadtrat unternimmt nichts». Die klaren Worte sind ein Appell an den Stadtrat und zeigen die emotional aufgeladene Stimmung. Auch in der Fotografie «Aktionstag gegen Drogen im Kreis 5» zeigt sich, dass die Drogenproblematik nicht an der Bevölkerung vorbeiging und öffentlich diskutiert und kommentiert wurde.
Aufgrund der Forderungen der Anwohner rund um das Bienehüsli anfangs 1991 wurde die Szene in die Nähe des Olma-Areals verschoben, was zu einer finanziellen Mehrbelastung der dortigen Geschäfte führte. Der Schellenacker galt als letzte offene Drogenszene der Stadt und erhielt die Bezeichnung «Sankt-Galler Letten». In Zürich spielte sich 1992 eine ähnliche Verschiebung der Szene nach der überstürzten Schliessung des Platzspitz ab.
Nachbeben der Platzspitzschliessung
Der Platzspitz in Zürich wurde zu einem Symbol für eine aus dem Ruder gelaufene Drogenpolitik. Nur langsam fand ein Umdenken und eine Veränderung der Wahrnehmung der Drogenkonsumierenden statt.
Die Aufgabe zur Überwachung des Drogenschauplatzes und zur Intervention war eine Gratwanderung für die oft intervenierende Polizei. Die süchtigen Menschen wurden vor allem durch private Initiativen, etwa von Pfarrer Ernst Sieber, oder durch ZIPP-Aids, das Zürcher Interventions-Pilotprojekt, versorgt. Durch ZIPP-Aids wurden beispielsweise sterile Injektionsutensilien verteilt, Wunden verpflegt oder Aids-Tests angeboten. Die Helfer waren Sozialarbeiter, Ärztinnen, Pfleger, teilweise Angestellte, aber auch viele Freiwillige. Trotz der Hilfsbereitschaft wuchs mit der Szene auch die kritische Wahrnehmung in der Bevölkerung, denn der Platzspitz platzte bald aus allen Nähten und Prostitution, Drogenhandel und Kriminalität schürten Angst. Dies setzte den Zürcher Statthalter unter Druck, weshalb dieser schliesslich eine abrupte Schliessung des Platzspitzes anordnete.
Der SRF-Bericht über diese Schliessung des Platzspitz in Zürich zeigt in drastischen Bildern die unmittelbaren Folgen dieser politischen Entscheidung. Es kam zu einer unkontrollierten Zerstreuung der Szenengänger und Dealer in die angrenzenden Quartiere. Die Bilder zeigen Spritzen auf den Strassen, intensive Polizeipräsenz und Menschen, die sich inmitten der Bevölkerung Heroin spritzen. Polizeipatrouillen und Durchsuchungen von Personen in den anliegenden Quartieren gehörten plötzlich zum Alltagsbild. Dies sorgte für neue Kritik, die, wie im Beitrag zu sehen, auch Emilie Lieberherr zu hören bekam. Als Politikerin und erste Zürcher Stadträtin war sie eine Vorkämpferin der fortschrittlichen Drogenpolitik und der Schweizer Frauenpolitik. Durch ihre langjährige Arbeit im Sozialdepartement wirkte sie auch nachhaltig im Aufbau des Vier-Säulen-Prinzips in der Drogenpolitik mit.
Schluss mit dem Drogenelend – Nehmen Sie an der Räumung des Letten
1992 wurde der Platzspitz Letten geschlossen. Nach einer anfänglichen Zerstreuung der Szene fand diese einen neuen Platz rund um das Gelände des stillgelegten Lettenbahnhofs in Zürich. Ab 1993 etablierte sich dort schliesslich eine neue offene Drogenszene, wodurch die alten Probleme aber nicht gelöst waren. Die Anwohnerinnen und Anwohner störten sich weiterhin an den Konsequenzen des Drogenkonsums im öffentlichen Raum. Die Lage rund um den Letten verschlechterte sich ab Mitte 1994 zunehmend. Brutalität und Schiessereien waren an der Tagesordnung.
Dass die Schweizer Bevölkerung endlich mit dem «Drogenproblem» abschliessen wollte, suggeriert dieser Artikel des Satiremagazins «Nebelspalter». Darin werden die Leserinnen und Leser dazu aufgefordert, den eigenen Letten zuhause aus der Welt zu schaffen. Man solle in der im Satiremagazin abgedruckten Doppelseite alles «Hässliche» ausschneiden und die Lücken mit all dem «Schönen», das man findet, ersetzen. Genau dies, so die Kritik des Nebelspalters, versuche die Zürcher Politik mit der sich anbahnenden Letten Schliessung. «Sauber und endgültig».
Schliesslich wurde auch der Letten 1994 polizeilich geräumt, hunderte Süchtige, aber auch Prostituierte oder Dealer verteilten sich in die Hinterhöfe der Langstrasse und über die ganze Stadt. Szenenbildungen gab es von diesem Zeitpunkt an nur noch ansatzweise, eine neue Grossszene konnte sich aber nie mehr etablieren. Dies hängt auch mit der neuen Strategie der Drogenpolitik zusammen. Man wollte keine vereinzelten offenen Plätze mehr, in denen die Drogenabhängigen grösstenteils sich selbst überlassen wurden, sondern viele spezialisierte Einrichtungen zur Eindämmung des Drogenelends bereitstellen.
Die Drogen fordern ihren Tribut
Anhand dieser Statistik wird sichtbar, welchen Tribut der Drogenkonsum in den 1990er Jahren forderte. Auffallend ist, dass die Zahlen der Toten mit der Bildung und dem Anwachsen der offenen Drogenszene am Platzspitz stetig ansteigen, bis hin zur Bildung der offenen Drogenszene am Letten, wo mit 419 Drogen-Toten der traurige Höhepunkt erreicht wurde.
Neben den Drogenkonsumierenden forderte auch die ansteigende Gewalt rund um den Letten viele Todesopfer. Medien prangerten den «permanenten Zuwachs an Brutalität» mit «täglichen Schiessereien» an. Erstaunlich bleibt aber dennoch der Unterschied der Anzahl Drogentoten auf dem Letten und dem Platzspitz. Dass die Zahlen derart gestiegen waren, passt zum allgemeinen Bild der Statistik, das zeigt, dass die Drogenszene allgemein in der Zeit nach 1980 ein enormes Wachstum erlebt hatte. Und obwohl versucht wurde, die Abhängigen an einzelnen Orten zu konzentrieren und dadurch die Szene zu kontrollieren, funktionierte dies nur bedingt. Die zu beklagenden Todesfälle stiegen weiter an. Die Anzahl Drogentoter ist auch ein Indiz dafür, welche Szene am grössten war. Die Statistik macht auch deutlich, dass die Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der anliegenden Bewohner durchaus ihre Berechtigung gehabt haben dürfte.
Balkendiagramm
- Erster Balken 15%
- Zweiter Balken 95%
Erklärung zum Balkendiagramm
In ac felis quis tortor malesuada pretium. Nullam vel sem. Ut non enim eleifend felis pretium feugiat. Fusce fermentum odio nec arcu. Vestibulum ante ipsum primis in faucibus orci luctus et ultrices posuere cubilia Curae; Fusce id purus.
Fusce vel dui. Pellentesque dapibus hendrerit tortor. Nam adipiscing. Duis arcu tortor, suscipit eget, imperdiet nec, imperdiet iaculis, ipsum. Praesent venenatis metus at tortor pulvinar varius.
Kreis 1
%
Number
Bild mit Text
Etiam ultricies nisi vel augue. Etiam sit amet orci eget eros faucibus tincidunt. Suspendisse pulvinar, augue ac venenatis condimentum, sem libero volutpat nibh, nec pellentesque velit pede quis nunc. Praesent vestibulum dapibus nibh. Nunc nec neque.
In hac habitasse platea dictumst. Proin magna. Praesent turpis. Nam quam nunc, blandit vel, luctus pulvinar, hendrerit id, lorem. Vestibulum ante ipsum primis in faucibus orci luctus et ultrices posuere cubilia Curae; Fusce id purus.
Test
Test
Test
Audio Datei
Video-Slider
Code Element
Erste Stecknadel
Zweite Stecknadel
Autoren-Team
Etiam ultricies nisi vel augue. Etiam sit amet orci eget eros faucibus tincidunt. Suspendisse pulvinar, augue ac venenatis condimentum, sem libero volutpat nibh, nec pellentesque velit pede quis nunc. Praesent vestibulum dapibus nibh. Nunc nec neque.
In hac habitasse platea dictumst. Proin magna. Praesent turpis. Nam quam nunc, blandit vel, luctus pulvinar, hendrerit id, lorem. Vestibulum ante ipsum primis in faucibus orci luctus et ultrices posuere cubilia Curae; Fusce id purus.